Das Bild in der Kunsttherapie

“Wenn in der Kunsttherapie über Bilder gesprochen wird, wird häufig davon ausgegangen, dass sie sich sprachlich erschließen lassen: Etwas steht für etwas oder bedeutet etwas. Die Verbindung zwischen Bild und Sprache, die dabei vorausgesetzt wird, ist mit den Entwicklungen in den Bild- und Medienwissenschaften in den letzten Jahrzehnten gewaltig ins Wanken geraten. Der wissenschaftliche Diskurs geht inzwischen weniger darum, was Bilder repräsentieren, als darum, wie sie sich realisieren und was sie bewirken, welche Funktion sie haben und wie wir mit ihnen umgehen. An die Stelle der Frage, mit der Gottfried Boehm (1994) den iconic turn einleitete: Was ist ein Bild?, sind Fragen getreten wie: Welchen Einfluss hat der Kontext, in dem ein Bild erscheint, auf die Bildrezeption? (Huber 2004), Wie werden Bilder wahrgenommen? (Schürmann 2008), Worin besteht die Wirkkraft von Bildern? (Bredekamp 2010), Was will das Bild? (Mitchell 2005, 2008), Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Bildern und Handlungen? (Seja 2009). Die Beschäftigung mit diesen Fragen folgte der Performativen Wende in den Kulturwissenschaften (Fischer-Lichte 2004, Mersch 2002), vollzog sich parallel zu der Debatte über die „Ästhetische Erfahrung“ in der Ästhetik (Deines 2013) und führte schließlich auch zu einem Diskurs über den Umgang mit Bildern in der Kunsttherapie (vgl. u.a. Sinapius 2010a, Titze 2012). Dabei wurde Bildern das Vermögen zugesprochen, nicht nur symbolischer Ausdruck für intrapsychische oder biografische Inhalte zu sein, die sich sprachlich artikulieren lassen, sondern auch Ursprung unmittelbarer ästhetischer Erfahrungen, die Ausgangspunkt für individuelle oder soziale Entwicklungs- und Veränderungsprozesse sein können (vgl. u.a. Niederreiter 2008, Kaplan 2007, Sinapius 2013). Gleichzeitig wurde damit die Ästhetik als eine zentrale Bezugswissenschaft für die Kunsttherapie eingeführt und damit die Möglichkeit eröffnet, eine kunstbasierte Ausrichtung der Kunsttherapie theoretisch von dieser Seite her zu fundieren.”

aus: Sinapius, Peter (2015): Über die Funktion des Bildes – Ein Paradigmenwechsel in der Kunsttherapie. In: Niederreiter, L., Majer, H., Staroszynski, T. (Hrsg.): „Kunstbasierte Zugänge zur Kunsttherapie – Potentiale der Bildenden Kunst für die kunsttherapeutische Theorie und Praxis“. München: Kopaed-Verlag