Der therapeutische Blick

In der Gesundheitsversorgung spielt der Begriff »Krankheitsbild« eine Rolle, der eine Symptomatik in eine statistisch darstellbare Größe überführt. In der therapeutischen Praxis – wie z.B. in der humanistischen Psychologie – spielt darüber hinaus das »Menschenbild« eine Rolle, das einen entscheidenden Einfluss hat auf die therapeutische Beziehung und das individuelle Bild, das der Therapeut vom Patienten gewinnt. Rezeptionsästhetisch lässt sich der Begriff »Bild«, der hier in unterschiedlicher Weise Verwendung findet, differenziert beschreiben und mit ihm anthropologische und ästhetische Aspekte der therapeutischen Beziehung. Die Art und Weise der Wahrnehmung, mit der der Therapeut dem Patienten begegnet, bringt dabei nicht nur etwas über ihn in Erfahrung, sondern zeigt sich auch als aktive Geste, die Wirklichkeit neu konstituiert. Diese Wahrnehmung zeigt sich insbesondere da als relevant, wo sie auf ein Gegenüber trifft, das – wie z.B. Menschen im hohen Alter – aus einer pathologischen Perspektive in erster Linie an seinem Unvermögen oder seinen Defiziten gemessen wird.

In: Sinapius, Peter (2019): Der therapeutische Blick – Anthropologische und ästhetische Aspekte der therapeutischen Beziehung. In: Psychotherapie im Alter/ Forum für Psychotherapie, Psychiatrie, Psychosomatik und Beratung. PiA 16. Jg. (Heft 1) 2019: Künstlerische Therapien, herausgegeben von Jan Sonntag und Michael Ganß. Psychosozial-Verlag. S. 9-22

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