Das Atelier als Lernort

„Lernen braucht Freiheit, etwas um seiner selbst willen zu tun“.

Wenn ich mit Studierenden improvisiere, geht es nicht um richtig oder falsch, gut oder schlecht. Wir beziehen uns aufeinander und merken: Es funktioniert, es schließt sich zu einer Gestalt, es irritiert oder überrascht uns. Das Wort “Es” weist dabei auf das sog. ästhetische Dritte, das in der kunsttherapeutischen Literatur als unvermittelbar beschrieben wird und das sich zwischen denjenigen, die improvisieren, einstellen kann. Das Improvisieren verhält sich ähnlich wie das Tanzen, von dem der Choreograph William Forsythe gesagt hat: „Das Tanzen ist wie ein Lebewesen. Du kannst es nicht zwingen, du kannst es nicht zu dir holen. Du musst dich selbst wahrnehmend machen, und es kommt.“
Die künstlerische Lehre bewegt sich an der Schwelle zwischen Wissensaneignung und individueller Erfahrung: Was ein Gelb ist, wie ein Ton klingt, wie eine Bewegungsgeste sich vollzieht folgt keiner curricularen Grammatik und bleibt grundsätzlich unvermittelbar. Sie erschließen sich nur der individuellen ästhetischen Erfahrung und sind reflexiv beschreibbar. Das aber stellt die traditionelle, nach wie vor in weiten Teilen der Hochschullehre praktizierte Didaktik auf den Kopf: Wissen vollzieht sich hier nicht als Einverleibung, sondern als Verwandlung von Stoff.
Ein solcher didaktischer Grundsatz steht in der Tradition der Reformpädagogik, die Lernen nicht von einer Enzyklopädie des Wissens her bestimmt, sondern von einem Verständnis seiner Bedingungen und Voraussetzungen. Sie geht von der Prämisse aus, dass es kein Denken, Erkennen und Verstehen ohne Handeln bzw. auf Handlungen gründende Operationen gibt, d.h. sie begreift Lernen als aktiven Prozess und Denken als Methode der bildenden Erfahrung. Wissensproduktion wird dabei als etwas aufgefasst, das auf leibgebundenen Erfahrungen beruht, die man an Dingen oder Ereignissen machen kann.

Mehr in: Sinapius, Peter (2017): Das Atelier als Lernort / Eine Didaktik des unverfügbaren Wissens. In: von Spreti F., Martius Ph., Steger F. (Hrsg.): „KunstTherapie / Wirkung – Handwerk – Praxis“. Stuttgart: Schattauer