Künstlerische Forschung

Künstlerische Forschung ist ein zentrales Merkmal künstlerisch therapeutischer Praxis. Sie war Thema einer Tagung, die im Mai 2013 stattfand und die sich selbst eines künstlerischen Formats bediente: das Format der Collage. Der Tagung folgte eine künstlerische Dokumentation, die unter  www.artisticresearch.info zu sehen ist:

Bildschirmfoto 2016-08-21 um 16.00

Der folgende Beitrag von Gabriele Schmid und Peter Sinapius beschreibt die Entstehungsgeschichte dieser Dokumentation.

“Wie gestalten wir wissenschaftliche Diskurse und welchen Einfluss hat die Art und Weise, wie wir sie führen, auf ihre Ergebnisse? Mit dieser Frage sind wir im Begriff, wissenschaftsmethodischen Überlegungen formale oder ästhetische Überlegungen an die Seite zu stellen und ihre Wechselwirkung zu untersuchen.
Als wir in den Jahren 2011 und 2012 eine Tagung zum Thema „Artistic Research in Applied Arts“ planten, standen wir vor genau dieser Frage: Wie gestalten wir die Tagung und welchen Einfluss hat die Gestaltung auf ihren Inhalt? Wir entschieden uns dafür, eine – für eine wissenB schaftliche Tagung – ungewöhnliche Form zu wählen: die Collage, durch welche Brüche und Unterbrechungen als konstitutive GestalB tungsmerkmale in den Vordergrund treten.
Im künstlerischen Kontext spielt das Phänomen der Unterbrechung spätestens seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts eine Rolle als maßgebliches formbildendes Prinzip. In den 1920er Jahren wurden von den Vertretern des Dadaismus unterschiedliche Künste miteinander in eine mehr oder weniger willkürliche Verbindung gebracht und deren Elemente miteinander kombiniert wie beispielsweise in der Objektkunst, dem Bühnenbild, der Collage oder der Fotomontage. Tristan Tzara proklamierte in seinem dada manifesto on feeble love and bitter love von 1920 ein Cut-Up-Verfahren zum Erstellen eines Gedichts. Es sei gerade, so Tzara, das zufällig aus Zeitungsabschnitten hergestellte Gedicht, das seinem Autor ähnele. Zur selben Zeit begann Bertolt Brecht seine Theorie des Epischen Theaters zu entwickeln, in welchem die Unterbrechung oder der Bruch das wesentliche ästhetische Prinzip bildet. Wie bereits Tzara zog Brecht Scheren für die Illustration des Zerschneidens eines epischen Werks in individuelle Teile heran. Jedes einzelne der Bruchstücke behält dennoch – und das ist für die Künstlertheorie entscheidend – seine vollständige Lebensfähigkeit. Aus Brechts Perspektive war die Unterbrechung vor allem ein Mittel, welches dem Zuschauer Reflexion ermöglichte, statt ihn in dem illusionären Raum zu belassen, den das Drama des 19. Jahrhunderts noch bot.
Bereits vor Brecht hatte der sowjetische Filmemacher Lev Kuleshov die Betrachter als die eigentlichen Produzenten von Bedeutung angesehen. Kuleshov ist in der Filmtheorie für den nach ihm benannten Effekt berühmt. Der Kuleshov-Effekt illustriert die Rolle der Montage beim Herstellen eines Films. Der Mythos erzählt, Kuleshov habe das Gesicht eines Schauspielers mit neutralem Ausdruck zwischen verschiedene Bilder montiert. Bedeutung sei für Kuleshov nicht durch die Bilder selbst, sondern ausschließlich durch ihre Montage entstanden. Insofern kann er als einer der Vorläufer der Rezeptionsästhetik gelten. Sie kontrastiert die idealistisch geprägten ästhetischen Theorien des 19. Jahrhunderts, in welchen uns der Geist des Autors oder der Autorin in Gestalt des Werks entgegentritt.

Ungefähr zur selben Zeit als Roland Barthes den Tod des Autors proklamierte, entwickelte William S. Burroughs seine ästhetische Theorie des Cut-Ups. Er beschrieb die Wirkung des Cut-Up-Verfahrens so:
„Jede erzählende Passage oder jede Passage, sagen wir, poetischer Bilder kann beliebig oft variiert werden, und alle Variationen können in sich interessant und gülB tig sein. Eine zerschnittene und neu arrangierte Seite von Rimbaud wird einem gewissermassen neue Bilder liefern – wirkliche Rimbaud-Bilder – aber neue… Cutups stellen neue Verbindungen zwischen Bildern her, so daß sich unser Vorstellungsvermögen entsprechend erweitert”.
Im Kontext der Beat-Generation der 1960er-Jahre sah Burroughs die Unterbrechung oder den Schnitt als eine Möglichkeit der Befreiung von Wörtern und Bildern als Kontrollmechanismen, welche uns in konventionelle Muster der Wahrnehmung, des Denkens und des Sprechens zwingen. Die Cut-Up-Technik als ästhetisches Prinzip kann zu einer Veränderung des Bewusstseins von Autor und Leser führen, da es sich um eine gleichsam überpersönliche Methode der Inspiration handelt. Sie definiert das Werk als einen Prozess, welcher durch das Zusammenwirken mit anderen in Gang kommt. Verschiedene Perspektiven verschmelzen und im Ergebnis übersteigt die künstlerische Sprache die Grenzen der Repräsentation. Insofern öffnet das ästhetische Prinzip des Cut-Ups das Werk für eine radikale Neukonfiguration menschlicher Subjektivität.
Im Sinne des Tagungsthemas „Artistic Research in Applied Arts“ nutzten wir die skizzierten Möglichkeiten der Collage für die Gestaltung der Tagung als Gegenentwurf zu solchen Formaten, in denen Auditorium und Redner sich frontal gegenüberstehen und das Tagungsgeschehen einer vorgegebenen Struktur folgt. Für die Entwicklung des Formates bezogen wir Jörg Holkenbrink, den Leiter des „Theater der Versammlung“ an der Universität Bremen, als Fachmann für Inszenierungen auf der Schwelle zwischen Kunst und Wissenschaft mit ein. Künstlerische Forschung sollte nicht bloßer Gegenstand der Tagung sein, vielmehr sollten ihre Möglichkeiten und Grenzen erfahrbar werden.

Die Tagung fand schließlich im Mai 2013 an der Hochschule für Künste im Sozialen, Ottersberg statt. Von den vorgesehenen fünf Vorträgen wurden vier in je drei Teile „zerschnitten“, von denen jeweils zwei in einer auf der Tagung ausgelosten Reihenfolge von den Referentinnen und Referenten vorgetragen wurden. So war es möglich, dass zunächst der zweite Teil eines Vortrags vorgetragen wurde, gefolgt vom dritten Teil eines anderen Vortrags usw. Eingeleitet und unterbrochen wurden die Vortragsteile durch Eat-Art-Inszenierungen von Michael Dörner und Beiträge des Theaters der Versammlung, die ebenfalls collagenartig in das Programm eingefügt waren und auf unterschiedlichen Ebenen das Publikum in künstlerische Interaktionen einbezogen. Es gab also gewissermaßen eine Choreografie, aber – mit wenigen Abstrichen – keinen vorgefassten inhaltlichen Aufbau. Was passierte, war nicht vorhersehbar. In diesem Sinne präsentierte die Tagung nicht verfügbare Wissensbestände, sondern führte die Teilnehmer in einen ergebnisoffenen Prozess des Ahnens, Fragens und Erkennens.
Damit wurden Unterbrechungen, Sprünge und Leerstellen zu den entscheidenden Momenten. Sie ermöglichten, dass sich Sinn einstellte, welcher nicht der Linearität logischen Denkens oder sprachlichen Argumentierens, sondern der Offenheit und Vielschichtigkeit eines kunstanalogen Prozesses folgte. Zugleich rückte damit ein konzeptuelles Randgeschehen herkömmlicher Tagungen in den Mittelpunkt: das Randgespräch zwischen den Beiträgen. In ihm ist das Prinzip des Cut-Ups implizit enthalten, indem dort die verschiedenen Wissens- und Erfahrungszusammenhänge der Tagungsbesucher aufeinandertreffen und Leer- und Unbestimmtheitsstellen mit Sinn gefüllt werden.
Über die Ereignisse einer solchen Tagung lässt sich nicht einfach ein schriftlicher Bericht verfassen, da sich seine kunstanaloge Inszenierung nicht ohne Weiteres in eine diskursive Struktur überführen lässt. Dieser Umstand betrifft das grundlegende Verhältnis zwischen Gegenstand, Methode und Darstellung, das für jede wissenschaftliche Praxis leitend ist. Für die Dokumentation der Tagung haben wir daher eine künstlerische Darstellungsform gewählt, die das Tagungsmaterial – Video- und Audiofiles, Fotos, Texte – unter ästhetischen Gesichtspunkten miteinander kombiniert. Die Dokumentation strukturiert einen interaktiven Dialog, bei dem Fragmente der Tagung in immer wieder neue Zusammenhänge gelangen.”

aus: Gabriele Schmid, Peter Sinapius (2015): Artistic Research in Applied Arts. In der Reihe: Wissenschaftliche Grundlagen der Künstlerischen Therapien, Band 5: Hamburg, Potsdam, Berlin: HPB University Press