Nicht deutsch genug.

Der Wassily Chair wird so genannt wird, weil Wassily Kandinsky so einen besessen haben soll. Es ist ein 1925 von Marcel Breuer am Bauhaus entworfener Stahlrohrstuhl. Wäre es ein Biedermeier-Stuhl, wäre das für die AfD in Sachsen-Anhalt kein Thema.

Der Wassily Chair ist aber ein Designklassiker aus dem Bauhaus. Und das hat die AfD in Sachsen-Anhalt zu ihren kulturpolitischen Hauptfeind erklärt.

Die historischen Parallelen scheinen sie nicht zu stören: Die Nationalsozialisten hatten auch schon das Bauhaus im Visier. 1933 wurde das Bauhaus von ihnen kurzerhand geschlossen. Nicht deutsch genug.

An diese Kulturpolitik will die AfD offenbar anschließen. Deutschland sei, so heißt es in ihrem Wahlprogramm, „krank“ und leide an einer „Identitätsstörung“, die durch eine „neue, patriotische Kulturpolitik geheilt“ werden müsse. Sonst sei Deutschland seiner „Selbstbehauptungskräfte“ beraubt und dem Einfluss der Regenbogenideologie hilflos ausgeliefert.

Dieses Gerede unterscheidet sich kaum von der Rhetorik der Nationalsozialisten. Sie statteten Kultur und Politik mit Krankheitsmetaphern aus, indem sie sie als „entartet“ bezeichneten und zu einer Gefahr für den gesunden „Volkskörper“ erklärten. Um ihn gesund zu halten, beseitigten sie folgerichtig die „entartete“ Kunst aus den Museen und öffentlichen Sammlungen. Wie ein Krebsgeschwür.

Klar, soweit geht die AfD in Sachsen-Anhalt noch nicht. „Deutsch denken“, nennt sie ihr Kulturprogramm: „Die vornehmste Aufgabe aller Kunst besteht darin, kulturelle Identität zu pflegen.“ Also doch Biedermeier. Jedenfalls will die AfD mit Staats- und Steuergeld vorwiegend solche Kunst fördern, „die einen Beitrag zu deutscher Identitätsfindung leistet“.

Solange die AfD die Geschichte noch nicht umgeschrieben hat, kann man alles weitere im Geschichtsbuch nachlesen:

Der erste nationalsozialistische Innen- und Volksbildungsminister Wilhelm Frick ging 1930 mit seinem Erlass „Wider die Negerkultur, für deutsches Volkstum“ gegen alle Formen moderner Kunst vor. Nach der Vertreibung des Bauhauses aus Thüringen ernannte er den völkischen Architekten Paul Schultze-Naumburg zum Leiter der Kunsthochschule Weimar. Der ließ kurzerhand die berühmten Wandbilder des Bauhaus-Meisters Oskar Schlemmer übermalen. Aus dem Weimarer Schlossmuseum wurden anschließend 70 Werke von Vertretern des Bauhauses entfernt, darunter Werke von Lyonel Feininger, Paul Klee und Wassily Kandinsky…

Was aber hat das mit dem Wassily Chair zu tun?

Ganz einfach: Ginge es nur um irgendeinen Stuhl, wäre das alles nicht bemerkenswert.

Es geht aber darum, auf welchen Stuhl man sich setzt.

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