„Blutiger Boden“: Der Mord an Süleyman Tasköprü

Die Künstlerin Katharina Kohl hat Zeugnisse der Ermittlungsarbeit in der Mordserie des „Nationalsozialistischen Untergrundes“ (NSU) in Hamburg plakatiert. Ihr Projekt hat den Titel „„Gedächtnislücken#revisited“ und dokumentiert Zitate aus den Zeugenvernehmungen des NSU-Untersuchungsausschusses des Deutscher Bundestages, wie z.B.: „Soweit ich weiß, wussten wir nichts.“ Ermitteln als ein Stochern im Nebel.

Die Künstlerin Regina Schmeken stellt zeitgleich Fotografien im Museum Hamburg-Altona aus, die die Tatorte der NSU-Morde abbilden. „Blutiger Boden“ heißt die Ausstellung — eine Anspielung auf die nationalsozialistische Ideologie vom „Blut und Boden“, die eine Einheit zwischen einem rassisch definierten Volk (Blut) und seinem Lebensraum (Boden) behauptet. Auf den Fotos zu sehen sind weder Opfer nochTäter. Nur die Orte, an denen Blut vergossen wurde.

Einer dieser Orte ist der türkische Gemüseladen von Ali Taşköprü, den er mit seinem Sohn Süleyman Taşköprü betrieben hat. Heute vor 25 Jahren, am 27. Juni 2001 verlässt er um 10:30 Uhr den Laden, um Besorgungen zu machen. Als er gegen 11 Uhr zurückkehrt, beobachtet er zwei Männer, die den Laden verlassen. Dann betritt er den Laden und sieht seinen Sohn schwerverletzt am Boden liegen. Erschossen. Der Notarzt kann nichts mehr für ihn tun.

Unmittelbar danach sagt er der Polizei, die zwei Männer, die den Laden verlassen hätten, seien Deutsche gewesen, etwa 25 bis 30 Jahre alt. Die Mordkommission kümmert das nicht und tappt weiter im Dunkel von vermeintlich organisierter Kriminalität. Erst Jahre später entpuppen sich die beiden Deutschen als Mitglieder des „Nationallsozialistischen Untergrunds“ (NSU). Bis dahin nehmen die Ermittler die Angehörigen ins Visier. Die Presse macht aus der Mordserie die „Döner-Morde“.

Unterlagen des Bundeskriminalamtes, die jetzt an Licht gekommen sind, dokumentieren die strukturelle Ignoranz gegenüber migrantischen Zeugen oder gegenüber den Hinweisen auf ein rechtsextremes Tatmotiv. Die Ermittler werden selbst zum Teil des Problems.

Noch immer fühlen sich die Angehörigen allein gelassen. Heute, am 25. Todestag von Süleyman Taşköprü, will sein Neffe Okan Taşköprü in Erinnerung an seinen Onkel Essen an obdachlose Menschen ausgeben. „Es gibt in der Türkei den Brauch, dass man im Namen des Verstorbenen Essen verteilt“, sagt er.

Ein 2012 errichteter Gedenkstein erinnert an Süleyman Taşköprü. Darauf steht:

„Neonazistische Verbrecher haben zwischen 2000 und 2007 zehn Menschen in sieben deutschen Städten ermordet: Neun Mitbürger, die mit ihren Familien in Deutschland eine neue Heimat fanden, und eine Polizistin. Wir sind bestürzt und beschämt, dass diese terroristischen Gewalttaten über Jahre nicht als das erkannt wurden, was sie waren: Morde aus Menschenverachtung. Wir sagen: Nie wieder!“

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