Heute wird in Sachsen-Anhalt gewählt.
Ich weiß nicht, ob Goethe oder Schiller AfD wählen würden. Kann ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen. Aber die AfD nimmt sie schonmal als Vertreter der deutschen Leitkultur in Anspruch. Sie können sich ja nicht mehr wehren.
Um Goethe oder Schiller geht’s aber im Wahlkampf gar nicht. Es geht um die deutsche Identität. Und die äußert sich in der Simson, dem Gartenfest und der guten Nachbarschaft. Dagegen lässt sich nichts sagen. Das kann der Ulrich Siegmund wirklich gut. Der lächelt alles weg.
Und wenn „der Deutsche“ sich erstmal einen Ort geschaffen hat, an dem er unter seinesgleichen ist, dann kann in der Welt passieren, was will. Man ist ja an einem sicheren Ort. Sicher vor Messerstechern, vor Zugereisten, vor der Klimakrise, vor Gendern. Dass die das Gartenfest nicht stören, dafür steht dann die AfD.
In einer sozialen Gemeinschaft, die sich wie ein Schwarm bewegt, braucht sich niemand darüber Rechenschaft abzulegen, was außerhalb vom Schwarm passiert. Um sich in und mit ihm zu bewegen, braucht niemand zu wissen, was das „Wasser“ ist, das seine Lebenswelt ausmacht. Er verlässt sich auf eine Intelligenz, die er zusammen mit anderen zu entwickeln hat: die Schwarmintelligenz.
Diese Schwarmintelligenz besitzen allerdings menschliche Gemeinschaften im Unterschied zu den Gemeinschaften von Fischen nicht. Deswegen braucht es in ihnen, wenn sie sich wie ein Schwarm bewegen wollen, so etwas wie Gefolgschaft und Ausschließlichkeit. Wer nicht mitmachen will, gehört eben nicht dazu. Er wird — und das ist der Kern des AfD-Programms — zum Schweigen gebracht.
Das ist meinem Großvater passiert. Er ist gegen den Strom geschwommen.
1938 besuchte er eine Aufführung von Schillers Theaterstück Don Carlos, in dem das absolutistische Unterdrückungssystem in Frage gestellt wird. Etwa in der Mitte des Stückes unterbrach mein Großvater lautstark die Vorstellung. Als Marquis von Posa, ein „Bürger derer, welche kommen werden“, jenen berühmten Satz an den König richtete: „Geben Sie Gedankenfreiheit“ erhob er sich von seinem Sitz und zollte ihnen unüberhörbar Applaus.
Der eine oder andere Theaterbesucher wird den Vorfall bei der Gestapo angezeigt haben. Jedenfalls wurde mein Großvater von ihr vorgeladen. Irgendwann landete er im Gefängnis und schließlich im KZ.
Der „Schwarm“ hat davon nichts mitgekriegt. Man war ja unter sich.
Und hinterher hieß es dann nur: Davon haben wir nichts gewusst.