
Stell dir vor dein Ehepartner oder Vater wird mit drei Kopfschüssen, einer Hinrichtung gleich, getötet. Ein Albtraum! Die Täter entkommen unerkannt. Niemand hat was gesehen. Aber die Boulevardpresse titelt am nächsten Tag: „Die Türken-Mafia schlug wieder zu“.
Wie kommt sie darauf?
Ganz einfach: Das Opfer hat einen ausländischen Namen. Es wurde mit derselben Waffe getötet, mit der bereits sechs andere Menschen mit ausländischem Namen getötet worden waren. Also muss, so die Logik der Ermittler, das Verbrechen einen „Migrationshintergrund“ haben. Und das bedeutet: Drogenhandel, sexueller Missbrauch, Prostitution, Waffenhandel. Der entscheidende Anhaltspunkt: der Name des Opfers.
Dann tauchen die Ermittler bei dir auf, stellen Fragen und verdächtigen dich, in das Verbrechen irgendwie verwickelt zu sein. Weil du denselben Namen hast!
Er hieß Theodoros Boulgarides und kam 1973 im Alter von neun Jahren mit seiner Familie aus Griechenland nach München. Er machte Abitur und eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann. Er arbeitete bei Siemens und über zehn Jahre als Fahrkartenkontrolleur bei der Deutschen Bahn. 2005 eröffnete er mit einem Partner einen Schlüsseldienst im Münchner Westend.
Zwei Wochen nach der Geschäftseröffnung, heute vor 21 Jahren, wurde er erschossen. Er war 41 Jahre alt geworden und hinterließ eine Frau und zwei Töchter. Nichts in seinem Leben deutete auf Drogenhandel, sexuellen Missbrauch, Prostitution oder Waffenhandel hin. Aber sein Name machte ihn verdächtig. Die Ermittler folgten einer Spur, die sie selber gelegt hatten.
Die Tochter Michalina Boulgarides erzählt, was für ein Mensch ihr Vater war: “Er war ein lebensfroher Mensch. Er liebte das Angeln und verbrachte viel Zeit in seinem Schrebergarten. Er wurde von seinem Umfeld geschätzt und geliebt. Die Zeit mit uns, seiner Familie, war ihm am wichtigsten. Wir sangen zusammen, tanzten, spielten, lachten.“
Und dann das jähe Ende: Der Geschäftspartner von Theodoros Boulgarides findet ihn tot im gemeinsamen Laden. Was folgte war die „die totale Zerstörung“, wie er sagte. Monatelang seien er und andere immer wieder vorgeladen worden: „Die wollten uns in den Dreck ziehen…“
Theodoros Boulgarides war das siebte Opfer der Mordserie an Migranten durch den sog. „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU). Erst nach der Selbstenttarnung des NSU wurde im November 2011 der rechtsterroristische Hintergrund der Tat aufgedeckt. Die Spur der Ermittler hatte nicht dahin geführt.
Die folgte einer diskriminierenden Logik, die den Tätern Deckung gibt.
Ich erzähle hier in unregelmäßigen Abständen die Geschichten von Opfern politisch motivierter Gewalt. Sie sind Teil des künstlerischen Projektes „Ich ist ein Anderer“. Die Abbildung zeigt die Grafik: Theodoros Boulgarides. Acryl auf Büttenkarton, 56×76 cm, 2026.