Es fällt mir ehrlich gesagt schwer, das hier zu posten. Auf dem Bild ist Gürsün İnce zu sehen. Ich habe tagelang an dieser Zeichnung gesessen und an Gürsün İnce gedacht. Sie ist am 29. Mai 1993 aus dem Fenster gesprungen, um sich vor dem Feuer zu retten, das Nazis gelegt hatten. Das hat sie nicht überlebt.
Gürsün Ince wurde nur 27 Jahre alt. Sie war verheiratet und hatte eine dreijährige Tochter. Mit ihrem Mann und ihrer Tochter wohnte sie im Dachgeschoss des Hauses ihrer Familie in Solingen. Als das Haus brannte, konnte Gürsün Ince ihrer Tochter Güldane Ince noch das Leben retten, indem sie sie aus dem Fenster warf. Die hat das schwerverletzt überlebt.
17 Menschen erlitten bei dem Brand zum Teil schwere Verletzungen. Fünf Menschen kamen ums Leben. Täter waren vier junge Männer im Alter zwischen 16 und 23 Jahren aus der Solinger Neonazi-Szene. Sie wurden vom Strafsenat des Düsseldorfer Oberlandesgerichts wegen 5-fachen Mordes, 14-fachen Mordversuches und besonders schwerer Brandstiftung zu einmal fünfzehn und dreimal zehn Jahren Haft verurteilt.
Die Politik hatte ihren Beitrag zu der fremdenfeindlichen Stimmung geleistet, die sich in diesem Anschlag entlud. Das Haus brannte ab, drei Tage nachdem der Bundestag einen sogenannten Asylkompromiss verabschiedet hatte. Der Asylkompromiss sollte den Zuzug von Flüchtlingen erschweren. Er war Ergebnis einer Politik, die Stimmungen in der Bevölkerung mobilisierte, in deren Fahrwasser sie dann treiben konnte.
Eine politische Verantwortung übernahm keiner der verantwortlichen Politiker. Noch in der Brandnacht sagte der damalige Bürgermeister von Solingen, Gerd Kaimer: „In Solingen gibt es kein rechtsextremes Potenzial.“ Und der damalige Kanzler Helmut Kohl nahm nicht an den Trauerfeierlichkleiten teil, um in keinen „Beileidstourismus“ zu verfallen, wie er erklären ließ.
Die Mutter von Gürsün Ince, Mevlüde Genç, konnte sich durch einen Sprung aus einem Fenster des brennenden Hauses retten. Sie hat bei dem rassistischen Brandanschlag zwei Töchter, zwei Enkelkinder und eine Nichte verloren. Kurz nach dem Anschlag hat sie den Menschen die Hand gereicht und gesagt: „Bırakın arkadaş olalım!“, das heißt: „Lasst uns Freunde sein!“.
Die Abbildung zeigt den Ausschnitt einer Grafik: Gürsün İnce. Grafit auf Büttenkarton, 61×46 cm, 2026.