Ein Opfer rechtsextremistischer Gewalt: Alexander Selchow

Alexander Selchow ist in meiner Heimatstadt zur Schule gegangen. Ich habe ihn nicht gekannt. Er war fünfzehn Jahre jünger als ich.

In der Neujahrsnacht 1990/91 wurde er im Alter von 21 Jahren von zwei rechtsextremen Tätern niedergestochen. Er war auf dem Weg nach Hause gewesen. Er trug schwarze Klamotten und galt als „Gruffti“. Er hatte was gegen Nazis. Mit seiner Clique geriet er immer wieder mit ihnen aneinander. Gewaltsamen Konflikten aber ging er, so sagen seine Freunde, gewöhnlich aus dem Weg.

Er wohnte bei seinen Großeltern in Rosdorf, einer kleinen Gemeinde im Landkreis Göttingen. Viele Bewohner in Rosdorf wollten mit „den Linken“ nichts zu tun haben. Die Rechtsextremen hatten das Gefühl von politischem Rückenwind. Unter ihnen waren auch Skinheads, die in Rosdorf ihr Unwesen trieben. Politik, Justiz und Polizei sahen einfach weg.

In der Silvesternacht kam Alexander Selchow gemeinsam mit einem Freund von einer Party. Er wollte nach Hause zu seiner Großmutter, um ihr ein gutes neues Jahr zu wünschen. Dazu kam es aber nicht. Zwei Nazis stellten sich ihnen in den Weg.

Die Nazis gehörten der rechtsextremen „Freiheitlichen Arbeiterpartei“ FAP an. In jener Nacht waren sie losgezogen, um „herumschwirrende Linke durchzuklopfen“. Sie erkannten in Alexander Selchow einen politisch „Linken“ und griffen ihn an. Er passte in ihr Beute-Schema. Sein Freund konnte fliehen. Einer der Rechtsextremisten zückte ein Messer und stach fünfmal auf Alexander Selchow ein. Er starb an massivem Blutverlust.

Zwei Tage nach dem Mord wurden die Täter festgenommen. Das Landgericht Göttingen verurteilte den Messerstecher am 19.02.1992 zu sechs Jahren Jugendstrafe. Sein Komplize kam mit vier Wochen Arrest davon. Das Gericht blieb damit unter den Forderungen der Staatsanwaltschaft. Der rechtsextreme Hintergrund der Tat spielte keine Rolle. Er wurde nie geklärt, geschweige denn anerkannt.

In den Jahren 2016 und 2019 fragten Abgeordnete im niedersächsischen Landtag, ob die Landesregierung in dem Angriff inzwischen einen rechtsextremistischen Hintergrund erkennen kann. Die Landesregierung lehnte ab und versagte die nachträgliche Anerkennung.

Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Abbildung: Ausschnitt aus einer Grafik / Alexander Selchow. Grafit auf Büttenkarton, 61×46 cm, 2026

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