Scham, Macht und Respekt

Die Scham soll die Seite wechseln, heißt es, wenn es um sexualisierte Gewalt geht. Das verändert die Machtverhältnisse. Warum? Beschämung ist eine Form von Machtausübung. Scham ist eine Ohnmachtserfahrung.

Respekt vor diesen oder umgekehrten Machtverhältnissen ist aber nur das eine. Respekt zwischen Menschen ist was anderes.

Philippe Claudel, der als Lehrer für Literatur mit Häftlingen gearbeitet hat, erzählt in seinem Buch „Das Geräusch der Schlüssel“ von einer Gefangenen, die sich tagtäglich den Blicken einer Gefängniswärterin ausgesetzt sieht:

„Das Guckloch an den Zellentüren, das es erlaubt zu sehen, ohne je gesehen zu werden. Der Häftling hörte das Geräusch der von einer Hand verschobenen Metallklappe und bemerkte ein beobachtendes Auge. […] Das Auge, das sich immer dann gegen die Tür heftete, wenn Linda B. sich wusch oder ihre Bedürfnisse verrichtete, das führte dazu, dass sie an Inkontinenz litt oder
nachts in ihrem Bett unter sich machte. Alles kam wieder in Ordnung, als die Aufseherin, die sie beobachtete, versetzt wurde“.

Die Aufseherin ist weg. Die Gefangene sitzt aber noch immer in dem Gefängnis, das Ausdruck jener Machtverhältnisse ist, die der Aufseherin den Blick durch das Guckloch der Zellentür gestattete.

Zwischenmenschlicher Respekt kennt dagegen keine besonderen Bedingungen oder Machtverhältnisse, unter denen er sich einstellt. Er kennt weder Macht noch Ohnmacht.

Respekt in seiner eigentümlich rückbezüglichen Konnotation bedeutet „zurücksehen auf“, „nochmals hinsehen«“, oder auch „berücksichtigen“, „beachten“. Wer das tut, beschämt keinen anderen Menschen. Er erwidert seinen Blick.

Dieser Blick stellt ihn nicht bloß. Er bestätigt ihn — als Mensch.

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