„Glücklich der, der ein Symptom hat!“

Das „gesunde Volksempfinden“, der „gesunde Menschenverstand“ — eben alles, was als „normal“ gilt — ist das, woran Populisten appellieren. Das ist zwar anonym und unbestimmt, aber es beinhaltet den Anspruch auf Ausschließlichkeit. Heidegger qualifizierte es als etwas, das sich „faktisch in der Durchschnittlichkeit dessen [hält], was sich gehört, was man gelten läßt und was nicht“. Es zeichnet vor, „was gewagt werden kann und darf “ und „wacht über jede sich vordrängende Ausnahme“.

Erich Fromm charakterisiert es in einem Interview aus dem Jahre 1980 folgendermaßen:

„Die Normalsten sind die Kränkesten und die Kranken sind die Gesündesten […] Der Mensch, der krank ist, zeigt, dass bei ihm gewisse menschliche Dinge noch nicht so unterdrückt sind, dass sie in Konflikt kommen mit den Mustern der Kultur, und dass sie dadurch, durch diese Friktion, Symptome erzeugen. 

Das Symptom ist ja nur, wie der Schmerz, ein Anzeichen, dass etwas nicht stimmt. Glücklich der, der ein Symptom hat! Wie glücklich der, der Schmerz hat, wenn ihm etwas fehlt! Wir wissen ja: Wenn der Mensch keine Schmerzen empfinden würde, wäre er in einer sehr gefährlichen Lage. 

Aber sehr viele Menschen, d.h. heißt: die Normalen, sind so angepasst, die haben alles, was ihr eigen ist, verlassen. Die sind so entfremdet, so Instrumente, sind so roboterhaft geworden, dass sie schon gar keinen Konflikt mehr empfinden. […]

Die Ursachen [dafür] scheinen mir ganz offenliegend zu sein: Unsere Gesellschaft ist aufgebaut auf dem Prinzip, dass das Ziel das Leben ist, die größere Produktion als Kompensation [anzustreben] — und auch als Notwendigkeit die größere Konsumption. Der Fortschritt der Wirtschaft und der Fortschritt der Technik ist das, wofür wir leben — nicht der Mensch.“

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