Du musst dein Ändern leben!

Wer schon einmal aus Mehl und Wasser Sauerteig gemacht hat, der weiß, dass sich nur unter bestimmten Bedingungen wilde Hefen entwickeln können, die den Teig zum Gären bringen. Wenn diese Bedingungen stimmen, kann der Teig wachsen und gedeihen — kurz: er kann „sein Ändern leben“. Wenn die Bedingungen nicht stimmen, fällt er in sich zusammen und beginnt zu stinken. Dann ist er gewissermaßen tot.

Zum Jahreswechsel fasst man gewöhnlich gute Vorsätze für das neue Jahr. Man nimmt sich vielleicht vor, regelmäßig Sport zu machen, weniger Süßigkeiten zu essen oder mehr Zuversicht auszustrahlen. Kurz: Man macht es anders herum als der Sauerteig. Man will sich ändern, anstatt sein Ändern zu leben.

„Du musst Dein Ändern leben“ ist ein Zitat aus einem Essay von Peter Sloterdijk, das auf eine Zeile in Rainer Maria Rilkes „Archaïschen Torso Apollos“ zurückgeht, in der es heißt: „…denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.“

Das stimmt aber nicht: der Torso Apollos sieht nicht alles! Dann wäre er ja mit Palantir-Software ausgestattet! Es ist anders herum, als Rilke behauptet: Unser Leben ändert sich jeden Tag, wie ein Stück aufgehender Sauerteig — ob wir es wollen, oder nicht! Wir verändern uns mit jedem Atemzug. Meistens merken wir erst hinterher, was sich verändert hat: Vielleicht sind wir aufgegangen wie der Sauerteig, auf jeden Fall kriegen wir Falten, die Haare fallen aus oder wir haben irgendeinen anderen Reifegrad erreicht.

Wenn wir dagegen wollen, dass alles so bleibt, wie es ist oder dass es so werden soll, wie es einmal war, hören wir auf, unser Ändern zu leben. Wir versuchen jung zu bleiben, schmieren uns Faltencreme ins Gesicht, spritzen uns die Lippen auf, joggen durch die Gegend oder versuchen abzunehmen. Das Problem ist nur: Unser Leben kümmert sich nicht darum. Das ahnte schon Dorian Gray. Wir werden nicht wieder jung. Aber wir versäumen unser Ändern zu leben.  

Wer uns weismachen will, dass alles so bleiben muss, wie es ist, der lügt. Der schafft Feindbilder und Sündenböcke. Das sind dann die „Anderen“, die angeblich unser Leben bedrohen, weil sie anders sind.

Wenn wir dagegen unser Ändern leben, fangen wir an, auf unsere Umgebung zu reagieren: Wir hören zu, was andere sagen, wir achten auf das Klima, wir sorgen uns um andere Menschen, wir versuchen, Konflikte friedlich zu lösen. Wir begreifen, dass wir nicht nur Produkt von irgendwelchen Verhältnissen sind, die wir nicht in der Hand haben, sondern wir übernehmen selbst Verantwortung, indem wir in einem lebendigem Austausch zu unserer Umgebung treten. 

Sorry! Ich muss jetzt Schluss machen und mich um meinen Sauerteig kümmern.

Das allerdings verändert alles: Ich muss nicht mein, sondern sein Ändern leben.

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