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Peter Sinapius

Hier erscheinen in unregelmäßigen Abständen Beiträge zum aktuellen Zeitgeschehen, zu Kunst und Gesellschaft, Tagebucheintragungen sowie philosophische und literarische Notizen. Sofern ich sie auch an anderer Stelle veröffentlich habe, weise ich am Ende des jeweiligen Beitrags darauf hin.

Hier erscheinen in unregelmäßigen Abständen Beiträge zum aktuellen Zeitgeschehen, zu Kunst und Gesellschaft, Tagebucheintragungen sowie philosophische und literarische Notizen. Sofern ich sie bereits an anderer Stelle veröffentlich habe, weise ich am Ende des jeweiligen Beitrags darauf hin.

11.02.2024
EINE DEUTSCHE LEITKULTUR GIBT ES NICHT
Am 2.2.2024 kritisierten über 200 Kunstschaffende die Entscheidung der Festivalleitung der Berlinale, Politiker der AfD zur Eröffnung der Festspiele einzuladen. Diese Einladungen wurden inzwischen wieder zurückgezogen. Das hat gute Gründe.

Die AfD stellt in ihrem Programm der „Ideologie des Multikulturalismus“ die Forderung nach einer „deutschen Leitkultur“ entgegen — ein Begriff, mit dem sie pikanterweise den Schulterschluss zu Friedrich Merz herstellt, der am 18.10.2000 in der Rheinischen Post gefordert hatte, dass sich „Zuwanderer, die auf Dauer hier leben wollen, einer gewachsenen freiheitlichen deutschen Leitkultur anpassen“ müssten. Das mündet im AfD-Programm in die unverhohlene Drohung: „Die AfD wird nicht zulassen, dass Deutschland aus falsch verstandener Toleranz sein kulturelles Gesicht verliert“. Dahinter steckt nicht anderes als die Idee der Gleichschaltung der deutschen Kulturlandschaft, wie es sie schon einmal unter den Nationalsozialisten gab.

Um eine uniformierte Kunstauffassung durchzusetzen und die ideologischen Narrative der Nationalsozialisten in der Kunst zu etablieren, wurde im Zuge der kulturellen „Gleichschaltung“ am 10.4.1935 vom Präsidenten der Reichskammer der bildenden Künste angeordnet, dass alle Kunstausstellungen der Anmeldepflicht und vorherigen Genehmigung durch die Reichskammer der bildenden Künste unterliegen. Am 27.11.1936 folgte das Verbot der Kunstkritik durch eine Anordnung des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda. Und schließlich beseitigten die Nationalsozialisten die Kunst der Moderne aus den Museen und öffentlichen Sammlungen. Am 19.7.1937 zeigten sie in München in den Hofgarten-Arkaden die erste Ausstellung über die sogenannte „entartete Kunst“, in der 650 konfiszierte Kunstwerke aus 32 deutschen Museen ausgestellt wurden.

Was ein Kunstwerk repräsentierte, war für die Nationalsozialisten eine Folge von Zuschreibungen, die ihm vorausgingen und jene Sicht- und Betrachtungsweisen erzeugen sollten, die geeignet waren, die nationalsozialistische Ideologie als diskriminierende Praxis auch in der Kunst zu verankern. Deswegen machten sie die Kunst der Moderne zur Zielscheibe von aggressiver Rhetorik, Zensur und Zerstörung. Kultur war für sie eine Form der Machtausübung und Diskriminierung.

Mit dem Begriff „deutsche Leitkultur“ schützen diejenigen, die ihn nutzen, keine Kultur, sondern etablieren ein rassistisches Narrativ. Eine deutsche Leitkultur gibt es schlicht nicht. Warum? Mit Oscar Wilde könnte man so antworten: „Alle Kunst ist zugleich Oberfläche und Symbol. Jene, die sich unter die Oberfläche begeben, tun dies auf eigene Gefahr. Jene, die das Symbol deuten, tun dies auf eigene Gefahr. In Wirklichkeit spiegelt die Kunst den Betrachter und nicht das Leben wider.“

Die Forderung nach einer deutschen Leitkultur spiegelt so gesehen die diskriminierende Ideologie der Rechtsextremisten wider — und nicht das „kulturelle Gesicht“ Deutschlands.

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09.02.2024
ÜBER RASSISTEN, TÄTER UND TRITTBRETTFAHRER
„Wir müssen endlich im großen Stil abschieben“, hatte Olaf Scholz am 20.10.2023 im Spiegel gesagt und fast zeitgleich pöbelte Friedrich Merz im Fernsehen gegen Migrant*innen. Drei Monate später deckte Correctiv das Geheimtreffen von Rechtsextremisten und ihre Deportationspläne auf. Das hatte eine in Deutschland noch nie dagewesene Massenbewegung gegen Rechts ausgelöst.

Das Ganze ist ein Lehrbeispiel dafür, wie sich ein Referenzrahmen zu verschieben droht, innerhalb dessen sich in der Gesellschaft rassistische Ideologien verbreiten können. Wie das funktioniert lässt sich an der Geschichte des Nationalsozialismus studieren.

Um zu verstehen, was Menschen dazu gebracht hat, im Nationalsozialismus von menschlichem Handeln, auf dem moralisches Verhalten gründet, abzusehen und unmenschlich zu handeln oder solche Handlungen billigend in Kauf zu nehmen, wurden in der Literatur verschiedene Tätertypologien diskutiert, die vom pathologischen Gewaltverbrecher über den weltanschaulichen Überzeugungstäter und den bürokratischen Schreibtischtäter bis zum opportunistischen Karrieretäter reichten.

Gegen diese Tätertypologien sprach die Beobachtung, dass die Täter häufig aus der Mitte der Gesellschaft kamen, ohne sie einem bestimmten „Täterprofil“ zuordnen zu können. Welzer kam zu dem Schluss, dass die Täter erschreckend normal waren und bruchlos ein Leben führen konnten, dass „die Erschießung von, sagen wir, 900 Männern, Frauen und Kindern ebenso enthält wie das Nachdenken darüber, welches Studienfach denn wohl für den eigenen Sohn das geeignete wäre“.

Ein Grund, warum aus normalen Menschen Täter wurden, war – wie es Welzer nannte – die „Verschiebung des Referenzrahmens“, der es den Betroffenen erlaubte, ihr Handeln als etwas zu verstehen, das durch Gesetze legitimiert, durch das herrschende Menschenbild gedeckt und von ihrer Person und auch – erschreckenderweise – von den betroffenen Personen unabhängig sei.

Dieser Befund gilt, so scheint mir, nicht nur für überführte Massenmörder, sondern auch für jene, die Zeug*innen von Diskriminierung und Verbrechen waren oder sie auch nur geduldet haben. Der Referenzrahmen für menschliche Verbrechen verschob sich spätestens mit dem rassistisch oder ethnisch begründeten Ausschluss ganzer Bevölkerungsgruppen aus den sozialen Gemeinschaften und damit auch aus dem Geltungsbereich moralischen Handelns.

Etwas Ähnliches ist in den letzten Monaten vor den großen Massendemonstrationen passiert. Es wurde offen über eine „Einwanderung in die Sozialsysteme“ diskutiert und damit der Referenzrahmen, der durch das Asylrecht gebildet wird, verschoben in Richtung einer Debatte, die Migrant*innen unter Generalverdacht stellte. Diejenigen, die auf den Zug der Rechten aufgesprungen sind, haben sich damit zu ihren Trittbrettfahrern gemacht.

Die Demonstrationen der letzten Wochen haben ihnen ein deutliches Stoppzeichen gesetzt.

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27.01.2024
ZEICHEN DES WIDERSTANDS
Heute, am Gedenktag für die Opfer des Holocaust, gedenke ich auch meines Großvaters Hans Buttersack. Er starb am 13. Februar 1945 im Alter von 65 Jahren im Konzentrationslager Dachau an Fleckfieber, einer Krankheit, die von Läusen übertragen wird und sich unter mangelhaften hygienischen Bedingungen epidemisch ausbreiten kann. Die haben in dem völlig überfüllten Lager geherrscht und dort täglich bis zu 150 Häftlingen das Leben gekostet.

Als Vertreter des Kirchenvorstands der Bergkirche in Wiesbaden hatte sich mein Großvater dem Versuch der Nationalsozialisten widersetzt, im Zuge der „Entjudung“ der christlichen Religion alles aus dem Evangelium zu entfernen, was jüdischen Ursprungs war. Er kämpfte für den Bestand des Alten Testaments, das in den Glaubensbekenntnissen von Jüd*innen und Christ*innen gleichermaßen verankert ist – gewissermaßen eine Achillesferse in einer rassistisch und antisemitisch ausgerichteten Kirchenverfassung.

Er kritisierte öffentlich die rassistische Kirchenpolitik der Nationalsozialisten, die für eine „Religion des Blutes“ eintraten. Er kämpfte für eine demokratische Kirchenverfassung und trieb die Gründung einer Gemeinde der Bekennenden Kirche in Wiesbaden voran, der binnen kurzer Zeit mehrere Tausend Wiesbadener Christ*innen beitraten. Nachdem die Kirchenleitung verboten hatte, über die Opferung Isaaks aus dem Alten Testament zu predigen, rief mein Großvater in einem Rundschreiben alle Gemeindemitglieder der Wiesbadener Bergkirche auf, „für die Freiheit der Verkündigung des Evangeliums zu kämpfen“.

In seiner anwaltlichen Praxis als Notar und Rechtsanwalt hatte mein Großvater das Mandat für verfolgte Jüdinnen und Juden übernommen, um ihr Vermögen vor dem staatlichen Zugriff zu schützen. Er nutzte jede Gelegenheit, um sich solidarisch mit ihnen zu zeigen und kritisierte öffentlich die Rassengesetze. Dabei war es bereits ein Zeichen des Widerstands, ihnen öffentlich einen Strauß Blumen zu überreichen oder ihnen Zuflucht in der Kirchengemeinde zu gewähren.

Er wurde von der Gestapo abgehört und bespitzelt und geriet mehrfach in Haft, bis er schließlich am 6. Mai 1943 erneut festgenommen und nach dreiwöchiger Gefängnishaft in das Konzentrationslager Dachau gebracht wurde. Der zentrale Vorwurf, der ihm gemacht wurde, war die öffentliche Äußerung: „Christus gehört nicht in das Dritte Reich“.

Im April 1945 begann die Räumung des Konzentrationslagers durch die SS und die Gefangenen wurden auf „Todesmärschen“ Richtung Süden getrieben. Tausende Gefangene kamen bei diesen Märschen wegen Krankheit, Unterernährung oder Schwäche ums Leben oder wurden von der SS erschossen, wenn sie marschunfähig waren. Der Leichnam meines Großvaters war zu diesem Zeitpunkt bereits unter nicht bekannten Umständen in einem Massengrab vergraben worden.

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25.01.2024
DIE ZUKUNFT IST JETZT!
Und schon wieder sind sie auf den Zug aufgesprungen: Ich habe keine Ahnung, was ich von dem neuen Bundeshaushalt halten soll. Aber dass die CDU als neuralgische Punkte die Migrant*innen und die Bürgergeldempäger*innen identifiziert, ist einem Bedrohungsszenario entliehen, das Rechtsextremisten entworfen haben.

Im Kampf um die öffentliche Meinung arbeiten Rechtsextremisten mit Verschwörungstheorien, Fremdenfeindlichkeit und Sündenbockkonstruktionen. Im Diskurs verhält sich ihre Propaganda hermetisch und undurchdringlich wie eine Mauer. Das halten andere für ein Erfolgsrezept und nehmen es dann zum Anlass, sich die Narrative der Rechtsextremisten zu borgen, um Wählerstimmen hinter sich zu bringen. Ich frage mich: Mangelt es den demokratischen Kräften an rhetorischem Geschick oder einer alternativen Erzählung, um die Rhetorik der Rechtsextremisten außer Kraft zu setzen?

Was im Augenblick auf Deutschlands Straßen stattfindet, ist eine alternative Erzählung. Ihr Ausgangspunkt sind soziale Praktiken. Diese Erzählung hat eine gewaltige Kraft. Sie kommt aus ohne rhetorische Winkelzüge. Sie braucht keine Heils- oder Wohlstandsversprechen, weil sie nicht das Ergebnis von wahltaktischen Manövern ist.

Sie folgt einem anderen Versprechen. Ein anderes Versprechen ist es, wenn jemand für mich da ist, wenn ich bedürftig bin. Ein anderes Versprechen ist es, wenn ich einem anderen Menschen zuhöre, wenn er sich mir anvertrauen will. Ein anderes Versprechen ist es, wenn ich anderen Menschen Respekt entgegenbringe, wenn sie anders sind als ich. Ein anderes Versprechen ist es, dass ich für Andere aufstehe, wenn ihre Freiheit und Integrität bedroht ist.

Ich behaupte: Es mangelt den demokratischen Kräften nicht an rhetorischem Geschick, weil es um Rhetorik gar nicht geht. Ich bin den Faschisten rhetorisch nicht gewachsen. Sie drehen mir das Wort im Mund herum. Sie produzieren mit Worten eine Welt, in der ich nicht lebe. Die Welt, in der ich lebe, ist keine rhetorische Figur, sie ist keine Verschwörungstheorie und sie ist auch keine Feindschaft gegen Andere. Die Welt, in der ich lebe, schließt die oder den Andere*n immer mit ein.

„Der Mensch wird am Du zum Ich“, formuliert Martin Buber eine Bedingung zwischenmenschlicher Beziehungen. Und Lacan sagt aus einer anderen theoretischen Perspektive: „Le je n’est pas le moi“ – „Ich ist ein Anderer“. Wenn ein Kind zwischen dem 6. und dem 18. Lebensmonat zum ersten Mal sein eigenes Bild im Spiegel erkennt, identifiziert es sein Ich mit etwas, mit dem es nicht identisch ist: Seinem Spiegelbild. Diese Fähigkeit, sich selber in Anderem zu finden, ist eine Grundbedingung sozialer Gemeinschaften.

Ich möchte meine Zukunft nicht in die Hände derjenigen legen, die mit ihren Versprechungen um die Meinungshoheit kämpfen um Wahlen zu gewinnen.

Die Zukunft ist jetzt!

Das ist eine Zukunft, in der vor allem die Gehör finden, deren Stimme keine wohlfeilen Reden hervorbringt. Weil jeder Blick eine Stimme ist.

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23.01.2024
NICHT ALLE NAZIS, HERR MERZ?
Die Wählerinnen und Wähler der AfD seien nicht alle Nazis, sagt Friedrich Merz. Ich frage mich: Was sind sie dann? Jemand, der eine Partei wie die AfD wählt, die völkische Ideologien und rassistisches Gedankengut vertritt, ist kein Nazi, sondern…? Protestwähler? Wutbürger? Mitläufer? Irrläufer? Werden jetzt schon diejenigen unsichtbar gemacht, die hinterher sagen werden: Ich habe von allem nichts gewußt?

Hatten Sie, Herr Merz, nicht die AfD, sondern die Grünen zu Ihrem Hauptgegner gemacht? Die Grünen, die nicht nur die Atomkraftwerke abgeschaltet haben, sondern den Leuten auch noch die Heizung abschalten wollten? Da kann man doch schonmal AfD wählen, oder? Habe ich Sie da richtig verstanden?

Und außerdem ist ja auch nicht alles falsch, was die AfD sagt. Oder wie haben sie das gemeint mit den „kleinen Paschas“ oder den Migrant*innen, die deutschen Patient*innen den Termin beim Zahnarzt wegnehmen? Kann man doch verstehen die Forderung nach einer konsequenten Abschiebung und Rückführung (…oder wie hieß das noch gleich in Potsdam? )!

Sind doch nicht alles Nazis, die die AfD wählen? Denken Sie, Friedrich Merz, Sie kommen damit durch? Glauben Sie im Ernst, dass niemand merkt, wie Sie Nazis verharmlosen um selbst auf ihrer Welle zu schwimmen und im Trüben fischen zu können?

Die Relativierung der AfD und ihrer Wählerschaft ist das Problem! Wer eine Partei wählt, die offen faschistisches Gedankengut vertritt, ist ein Nazi! Wer gegen Rassismus und Diskriminierung ist und kein Nazi sein will, der wählt keine rechtsextreme Partei wie die AfD!

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20.01.2024
ES IST 5 VOR 33
Drei Beobachtungen in der letzten Stunde:
> Auf der Demonstration in Frankfurt, so lese ich in der TAZ, hält ein Mann ein Pappschild in die Höhe mit der Aufschrift: „Es ist 5 vor 33“.
> Ein Junge hat auf sein Schild geschrieben: „Wir sind alle anders“.
> In einem Kommentar zu einem Beitrag auf LinkedIn über die Wannseekonferenz lese ich, man müsse doch endlich die Vergangenheit hinter sich lassen und vorwärtsschauen.

Ist es also gar nicht 5 vor 33 und ist der aktuell von den Faschisten geschürte Hass auf Andere und Fremde folglich nicht so schlimm und nicht ernst zu nehmen?

Da Geschichte von Personen verkörpert wird, die sie „ihre Geschichte“ nennen können, ist sie auch das Milieu, in dem nachfolgende Generationen aufwachsen, politische Überzeugungen gewinnen und eine eigene Biografie entwickeln. Sie ist das Sediment, auf dem unsere Geschichte beruht.

Geschichte ist nie vorbei. Die Vorstellung, man könne die Geschichte des Holocaust bewältigen, damit sie der Vergangenheit angehört, gleicht dem Versuch, sich aus der Verantwortung zu stehlen, begangenes Unrecht in ein irgendwie geartetes Recht zu überführen oder das Unbegreifliche begreiflich zu machen.

Geschichte wiederholt sich nicht. Aber der Umgang mit unserer Geschichte schreibt sich ein in jeden Winkel unserer sozialen und gesellschaftlichen Wirklichkeit. Wer so spricht wie die Nazis, der hat nichts aus der Geschichte gelernt.

Wer sich mit seiner Geschichte und der seiner Vorfahren beschäftigt, wird etwas herausfinden können darüber, wie totalitäre Gesellschaften entstehen. Er wird mit der Idee einer von Natur aus privilegierten und gesunden „Volksgemeinschaft“ konfrontiert, die durch fremde „Rassen“ bedroht war und sich gegen diese Bedrohung zur Wehr setzen musste. Er wird mit der „Notwendigkeit“ konfrontiert, das Rechtssystem, die Moral und das öffentliche Leben mit jenen Attributen auszustatten, die es möglich machten, Menschen, die nicht dazugehörten, zu unterdrücken, zu entrechten und zu vernichten.

Wer das weiß, für den ist es mit den aktuellen Deportationsphantasien der Faschisten 5 vor 33. Wer sich als Autor*in der eigenen Geschichte begreift und sich nicht faschistischen Ideologien unterwerfen will, muss Verantwortung übernehmen für sich und Andere. Der mischt sich ein und macht sich stark für Diversität, Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und soziale Anerkennung.

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18.01.2024
DIE RHETORIK DER FASCHISTEN
In der aktuellen Diskussion über ein AfD-Verbot geht es vor allem um die Verwendung von faschistischer Rhetorik. Um zu verstehen, wie die extremen Rechten heute sprachlich Grenzen zu verschieben suchen, lohnt es sich einen Blick auf diese Rhetorik zu werfen. Der von den Rechtsextremisten gekaperte Begriff „Remigration“ dient der Verschleierung faschistischer Praktiken.

Er stammt ursprünglich aus den Sozialwissenschaften und ist inzwischen zum Unwort des Jahres gewählt worden. Die Verwendung von wissenschaftlichen Begriffen und ihre Übertragung in sachferne Kontexte war schon unter den Nationalsozialisten eine Methode, diskriminierenden und rassistischen Praktiken einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben. Ein beliebtes Mittel der Bedeutungsverschiebung war dabei die Metapher.

Die Metapher fand vor allem in einer Verschränkung von biologischen und politischen Begriffen ihren Ausdruck. Einer der prominentesten Metaphern war der Begriff »Volkskörper«, der biologische Begriffe auf soziologische Themen verschiebt. Er wird heute noch von Vertretern der AfD gebraucht, um eine naturgegebene Homogenität der deutschen Kultur zu suggerieren, die gegen fremde Kulturen geschützt werden müsse.

Die Metapher vom »Volkskörper« überträgt einerseits mit den mit ihr einhergehenden Begrifflichkeiten wie »Organismus«, »Zellen« oder »Leib« biologische Termini auf die Gesellschaft, mit Begriffen wie »Blut« und »Rasse« wurden im Nationalsozialismus biologische Begriffe zur sozialen Diskriminierung genutzt. Auf diese Weise konnten soziale und rechtliche Maßnahmen eine aus der Medizin oder Biologie abgeleitete Begründung finden, durch die sie als notwendig für die »Gesunderhaltung des Volkskörpers« dargestellt wurden.

Der »Volkskörper« wurde unter den Nationalsozialisten disziplinübergreifend zu einem Begriff, der nicht nur in der Bevölkerungswissenschaft, sondern auch im Rechtswesen, der Politik, der Moral und der Medizin genutzt wurde, um einen einheitlichen Plot zu etablieren, der ihren Terror zum Naturgesetz erheben sollte. Das Bedrohungspotenzial einer Krankheit wurde als »Wuchern«, »Zersetzen«, »Aussaugen« auf Themen wie »Bolschewisten«, das »Judentum«, »Asoziale« und Homosexualität übertragen. Seine Bestandteile waren Begriffe wie »Organismus«, der von »Zersetzung« bedroht sei, »Volksschädlinge«, die ihn befallen, »Parasiten«, »Bakterien«, »Schmarotzern«, die es zu vernichten und auszumerzen galt oder »Geschwulste«, die man entfernen müsse.

Umdeutungen und Bedeutungsverschiebungen sind auch heute für die extreme Rechte die Mittel, um die Grenzen des Sagbaren zu verschieben und sprachlich einen Plot zu etablieren, der diskriminierenden und rassistischen Praktiken den Weg bereitet. Dazu kopieren sie nicht einfach das Vokabular der Nationalsozialisten, sie kopieren ihren Sprachstil.

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15.01.2024
ÜBER DEN HASS
Wie kommt jemand auf die Idee, Millionen Menschen aus Deutschland nach Afrika deportieren zu wollen: Asylbewerber, Ausländer mit Bleiberecht – und „nicht assimilierte Staatsbürger“? Welche Weltanschauung steckt dahinter?

Weltanschauungen verdanken sich der Fähigkeit die Welt in ihrer Gesamtheit wahrzunehmen und in sprachliche Begriffe zu fassen. Was wir sehen und als etwas begreifen, verdankt sich aber nicht nur dem Gegenstand der Wahrnehmung, sondern ebenso unserer Perspektive, unserem Standpunkt und unseren Vorstellungen. Was wir sehen, zeigt sich in dem Licht, in dem wir es sehen oder sehen wollen. Wer sich die Frage stellt, „ob wir als Volk im Abendland noch überleben oder nicht“ und dabei bestimmte Gruppen der Bevölkerung als Bedrohung identifiziert, dessen Blick folgt einem Skript, das der Wahrnehmung vorausgeht. Er stattet ganze Menschengruppen mit Stereotypen aus, denen sie nicht entgehen können.

Um dieses Skript ging es auf dem Potsdamer Geheimtreffen, das ein Bedrohungsszenario entwickelte, das Grundlage für die Mobilisierung einer politischen Bewegung sein soll. Es beruht auf Vorurteilen und sein wesentlicher Antrieb ist Hass gegen Andere.

Hass ist nicht blind, wie es die Wut sein kann. In ihm vereinigen sich unbedingter Vernichtungswillen und kühl-disziplinierte Planung. Hass erfüllt sich in einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung: Diejenigen, gegen die sich der Hass richtet, werden mit den Stereotypen ausgestattet, durch die sie in ihrer Individualität unkenntlich gemacht werden. Das Objekt des Hasses kann diesen Stereotypen nicht entgehen. Es wird als „arbeitsscheu“, „minderwertig“ oder „asozial“ konstruiert und gilt als Bedrohung für die Allgemeinheit. Diejenigen, die mit diesen Attributen ausgestattet werden, die kann man, so schreibt Emcke, „straflos denunzieren oder missachten, verletzen oder töten“. Man kann sie sogar buchstäblich, nachdem man sie in die Gaskammer geschickt hat, zu Seife und Lampenschirmen verarbeiten oder ihre Haare und Goldzähne als Rohmaterial wiederverwenden.

1983 veröffentlichte der englische Musiker Mike Oldfield den Song Shadow on the Wall. Das dazugehörige Video zeigt Roger Chapman als Gefangenen in einer Zelle, der vor seinem Schattenbild an der Wand sitzt und insistierend den Satz „Shadow on the Wall“ herausschreit. Wie in dem Höhlengleichnis von Platon ist sein Schatten Projektionsfläche für alles, was die in ihm sehen, die zwischen der Wirklichkeit und ihrem Schatten keinen Unterschied machen. Der Gefangene hat in den Augen seiner Peiniger seinen Status als Individuum eingebüßt. Er wendet sich mit einer bitteren Anklage gegen seine Unterdrücker: <br>
„Treat me like a prisoner
Treat me like a fool
Treat me like a loser
Use me as a tool
Face me ’til I’m hungry
Push me in the cold
Treat me like a criminal
Just a shadow on the wall!“

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25.10.2023
137 PROFESSOR:INNEN UNTERZEICHNEN „WECKRUF“ ZUR PSYCHOTHERAPIE
Aktuell findet ein Diskurs über die Zukunft der Psychotherapie in Deutschland statt – nicht zuletzt ausgelöst durch ein neues Psychotherapeutengesetz (PsychThG, 2020) und die sich daraus ergebenden Fragen von Aus- und Weiterbildung sowie die Bewertung von unterschiedlichen Ansätzen der Psychotherapie.

Aus diesem Anlass haben sich bislang 137 Professor:innen einem „Weckruf“ von Michael Buchholz und Juergen Kriz angeschlossen, in dem sie sich gegen eine Verengung psychotherapeutischer Forschung, Lehre und Praxis in Deutschland auf ein biomedizinisches Funktionsmodell und für einen (Wieder-)Anschluss der Psychotherapie(forschung) an die internationalen Standards aussprechen.

Unter anderem heißt es in dem Weckruf:

„Gerade angesichts einer durch den Gesetzgeber angestoßenen aktuellen Debatte über Ausbildungs­reformen fordern wir,

– dass der Wille des Deutschen Psychotherapeutentages (DPT) nach wirklicher Verfahrenspluralität nicht ausgehebelt und umgedeutet wird (Motto: „das erledigt die VT schon alles allein“).

– dass wirklich der Ansatz der „Evidenzbasierten Medizin“ umgesetzt wird (inklusive qualitativer Ansätze, kontextueller Betrachtungsweisen, Einzelfallforschung – d,h, der Berücksichtigung aller wissenschaftlich erbrachten Wirknachweise, die für oder gegen einen psychotherapeutischen Behandlungsansatz vorliegen) […]

– dass das bio-psycho-soziale Paradigma – dem internationalen Stand der Wissenschaft entsprechend – in Deutschland nicht weiter ignoriert wird. Die Einseitigkeit der deutschen Psychotherapie-Bewertung wird von international führenden Psychotherapieforschern vehement kritisiert.

– dass, als Konsequenz, der besondere Zugang sinnverstehender und kommunikativer Ansätze mit einer angemessenen Methodologie bewertet und nicht länger wegen ihres angeblichen „Mangels an experimentellen Daten“ entwertet und ignoriert wird. […]

– dass neben den Vorteilen auch die schweren Probleme manualisierten Vorgehens berücksichtigt werden. […] Die Zukunft der Psychotherapie ist nicht in einer strikten Manualisierung zu sehen.

– dass somit Patient:innen auch in Deutschland entsprechend dem Stand der internationalen Psycho­therapie­forschung und der (wirklichen) evidenzbasierten Datenlage behandelt werden können. […] Der Anschluss an die Diskurse der internatio­nalen klinisch-psychotherapeutischen Wissenschaft sollte wieder ermöglicht werden.

Wir fordern, dass Psychotherapie nicht auf der Basis dogmatischer Vorgaben sondern aufgrund der internationalen Befundlage in ihrer ganzen Breite ermöglicht wird […].“

https://jkriz.de/weckruf-text/
https://jkriz.de/weckruf-info/

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